hellgrüner Hintergrund mit verschiedenen geometrischen Figuren

(Un)sichtbare Arbeit: Wie Frauen die Nürnberger Prozesse prägten

Eine Auswahl von Frauen, die im Seriosu Game Tribunal 45 - Working on Justice dargestellt werden

(Un)sichtbare Arbeit: Wie Frauen die Nürnberger Prozesse prägten

Die Nürnberger Prozesse waren ein Meilenstein in der Geschichte des Völkerstrafrechts und legten das Fundament für heutiges internationales Recht. Doch wer organisierte den Alltag hinter den Kulissen? Wer übersetzte unter Zeitdruck, protokollierte akribisch oder kämpfte um faire Bezahlung? Das Serious Game „Tribunal 45 – Working on Justice“ rückt die oft unsichtbaren Akteurinnen in den Fokus: Frauen wie die französische Anklägerin Aline Chalufour, die russische Dolmetscherin Tatjana Stupnikova oder die streikenden Stenotypistinnen. 


Ein Gastbeitrag von Theresa Marschall, Master-Studentin der Eberhard Karls Universität Tübingen (Bachelorabschluss in Empirischer Kulturwissenschaft und Allgemeiner Rhetorik)

„Schwurgerichtssaal 600, Entscheidungen mit historischer Tragweite und Diskussionen um einen fairen Prozess.“ Mit diesen Schlagworten verbinden bestimmt viele Menschen die Nürnberger Prozesse. Doch diese Vorstellung kratzt nur an der Oberfläche und deckt lediglich einen kleinen Ausschnitt eines oberflächlichen Bildes ab. Genau an dieser Stelle setzt das Serious Game „Tribunal 45 – Working on Justice“ an. Spieler:innen erleben das Prozessgeschehen von den ersten Prozesstagen bis zur Urteilsverkündung an der Seite der Protagonistin Aline Chalufour. Dabei stehen nicht die 24 angeklagten, hochrangigen NS-Vertreter im Fokus, sondern die Ankläger:innen der Alliierten und die Zeug:innen. (Mehr über das gesamte Spiel könnt ihr gerne hier nachlesen: https://playinghistory.de/portfolio-item/tribunal-45/) Denn der Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess 1945/46 bestand nicht nur aus den großen Entscheidungen, sondern auch aus den vielen kleinen, oft unsichtbaren Arbeiten im Hintergrund.

Das Spiel wurde im Jahr 2025 vom Memorium Nürnberger Prozesse in Zusammenarbeit mit Playing History entwickelt und im Rahmen der Bildungsagenda NS-Unrecht, der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft (EVZ) und des Bildungsministeriums der Finanzen gefördert.

Ein komplexer Prozess

Wie konnte der Nürnberger Hauptkriegsverbrecher 1945/46 organisiert werden? Welche Rolle kam den jeweiligen Alliierten zu? Und inwiefern kann der Prozess als Meilenstein des Völkerstrafrechts gesehen werden? Das Serious Game zeigt, wie schwierig diese Arbeit war. In meinen Augen wird eines besonders deutlich: Gerechtigkeit braucht Organisation. Dabei begleiten wir die Protagonistin Aline Chalufour. Sie war Doktorin der Rechtswissenschaften und Anglistik (Quelle: https://www.justiz.bayern.de/gerichte-und-behoerden/oberlandesgerichte/nuernberg/info_service_1.php, Zugriff: 27.03.2026) und arbeitete als französische Hilfsanklägern am Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess. Durch sie können Spieler:innen heute den Prozess(alltag) erleben. Neben den großen völkerrechtlichen Fragen, zum Beispiel zur Rolle der Anklage, Schuldfrage von Gesellschaft und Individuen oder Todesstrafe, erfahren Spieler:innen auch mehr über die Unstimmigkeiten zwischen den Alliierten. Besonders die Diskussionen mit anderen Spielcharakteren und das Reflektieren eigener Standpunkte zeichnen den didaktischen Ansatz des Spiels aus. Man erhält aber auch durch subtilere Hinweise (in Gesprächen oder durch die Fundobjekte) Einblicke in die damalige Atmosphäre und in die Spannungen zwischen den beteiligten Parteien. Diese Kombination aus wissenschaftlich erarbeitetem, historischem Input und persönlicher Reflexion macht das Spiel in meinen Augen kurzweilig und abwechslungsreich, während es gleichzeitig einen Mehrwert durch Wissensvermittlung bietet.

Screenshot aus dem Spiel "Tribunal 45" als Teil der App "Merorium Nuremberg Trials", Flurgespräch mit Tatjana Stupnikova

Screenshot aus dem Spiel “Tribunal 45” als Teil der App “Memorium Nuremberg Trials”, Flurgespräch mit Tatjana Stupnikova

Ein Berg aus Akten, wenig Anerkennung und kaum weibliche Prozessteilnehmerinnen. Doch die Arbeit am Prozess hat sich nicht nur auf der großen Bühne im Schwurgerichtssaal abgespielt. Ein Großteil fand im Hintergrund statt, wobei Frauen als Journalistinnen bis Anklägerinnen in allen Bereichen am Prozessgeschehen beteiligt waren (Quelle: https://museen.nuernberg.de/memorium-nuernberger-prozesse/angebote/digitales-angebot/frauen-in-nuernberger-prozessen/ Zugriff: 31.03.2026). Das Serious Game „Tribunal 45 – Working on Justice“ zeigt genau diese Arbeiten im Hintergrund des Prozessgeschehens auf eindringliche Weise.

Tatjana Stupnikova: Übersetzen unter Druck

Bereits im ersten Kapitel wird deutlich, unter welchem Druck die Prozessteilnehmer:innen standen. Dass der Prozess dank Simultanübersetzer:innen in vier Sprachen stattfinden konnte (Quelle: https://www.bundesarchiv.de/themen-entdecken/online-entdecken/themenbeitraege/die-welt-klagt-an-ns-verbrecher-vor-gericht/ Zugriff 31.03.2026), erforderte enorm viel Arbeit und Organisation im Hintergrund. In dieser Szene trifft Aline Chaufour auf dem Flur im Nürnberger Justizgebäude die russische Dolmetscherin Tatjana Stupnikova. Sie berichtet von zu wenig Personal. Gleichzeitig müssen die Dokumente schnell und zuverlässig übersetzt werden. „Wir kommen mit dem Übersetzen nicht nach. Unser Chefankläger Rudenko hat die Anklageschrift vor einem Monat einfach unterschrieben, ohne offizielle russische Fassung!“, erzählt Tatjana Stupnikova. Das sorge für Ärger, denn die Anklageschrift wurde unterschrieben, bevor es eine offizielle russische Version gab. „Unglaublich!“, unterstreicht Stupnikova ihren Unmut. Sie betont, dass die Übersetzer:innen kaum mit der Arbeit hinterher kommen, und dabei keine Fehler machen dürfen. Auch nach langen Verhandlungen müssen sie noch Dokumente für den nächsten Tag fertig übersetzen. „Egal unter wie viel Zeitdruck sie steht: Es darf ihr absolut kein Fehler passieren!“ Diese Szene zeigt den hohen Druck und Arbeitsaufwand. Sie verdeutlicht aber auch, dass die Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Ländern teils schwierig und kompliziert war. Unterschiedliche Sprachen und Positionen führten zu Spannungen und unterschiedlichen Erwartungen an den Prozess.

Screenshot aus dem Spiel "Tribunal 45" als Teil der App "Merorium Nuremberg Trials", Tagebucheintrag zuTatjana Stupnikova

Screenshot aus dem Spiel “Tribunal 45” als Teil der App “Memorium Nuremberg Trials”, Tagebucheintrag zu Tatjana Stupnikova

Françoise Pineau: die streikenden Stenotypistinnen
Screenshot aus dem Spiel "Tribunal 45" als Teil der App "Merorium Nuremberg Trials", Flurgespräch mit Françoise Pineau

Screenshot aus dem Spiel “Tribunal 45” als Teil der App “Memorium Nuremberg Trials”, Flurgespräch mit Françoise Pineau

Von der französischen Stenotypistin Françoise Pineau erfährt Aline Chalufour, dass die Stenotypistinnen streiken, solange ihr Gehalt ausbleibt (Quellen: Archive Nationales BB30-1762 über: https://tribunal45.de/ Zugriff 31.03.2026 und Gemählich, Matthias: Frankreich und der Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher 1945/46. Transformationen. Differenzierungen. Perspektiven. In: Mainzer Studien zur Neuzeit, Bd. 2. Dissertation. Berlin 2018. S. 173). Die Stenotypistinnen haben im Gerichtssaal 600 stenografiert, protokolliert und Dokumente abgetippt. Für ihre Arbeit wurden sie jedoch mit nur 5500 Francs pro Monat entlohnt. Demgegenüber verdienten die Chefankläger das Siebenfache. Und auch Aline Chalufour als Hilfsanklägerin hatte immerhin das Dreifache an Gehalt erhalten. „Wir lassen uns nicht länger vertrösten. Dieses Mal nicht. Ohne Geld keine Arbeit. So einfach ist das!“, bekräftigt Françoise Pineau an dieser Stelle. Für mich persönlich sticht diese Szene im Spiel hervor, weil sie speziell auf diejenigen aufmerksam, die wichtige Arbeit im Hintergrund geleistet haben. Auch die Stenotypistinnen haben ihren Teil zum Prozess beigetragen, haben dabei allerdings eher im Hintergrund stattgefunden. Das Gespräch verdeutlicht in meinen Augen die Diskrepanz von Wichtigkeit und Sichtbarkeit zwischen den Beiträgen der Chefankläger und der Vielzahl von weiteren Mitarbeiter:innen. Unzählige Personen haben mitgeholfen den Prozess am Laufen zu halten. Dabei wurde ihre individuelle Leistung teils nicht mehr als diese erkannt und demnach nicht angemessen wertgeschätzt und entlohnt.

(Un)sichtbare Arbeit am Prozess

„Tribunal 45 – Working on Justice“ zeigt auf selbstverständliche Weise die weibliche Perspektive und die Beteiligung von Frauen am Prozess. Diese Frauen waren im Gesamtgeschehen allerdings weniger sichtbar und erhielten weniger Gehalt und Anerkennung. Das Serious Game deckt genau diese Themen auf.  In den ausgewählten Beispielszenen sehe ich nicht nur die benötigte Organisation und Zusammenarbeit hinter dem Prozess, sondern auch das Konfliktpotenzial. Gerade deshalb zeigt das Serious Game in meinen Augen, wie komplex der Prozess wirklich war.


Ein Gastbeitrag von Theresa Marschall, Master-Studentin der Eberhard Karls Universität Tübingen (Bachelorabschluss in Empirischer Kulturwissenschaft und Allgemeiner Rhetorik)
Tribunal 45 kostenlos spielen

Das Serious Game Tribunal 45 entstand gemeinsam mit dem Memorium Nürnberger Prozesse und kann in den App-Stores innerhalb der Museums-App “Memorium Nuremberg Trials” (iOS | Android) kostenlos auf Deutsch und Englisch gespielt werden. Mehr zum Spiel und den Hintergründen unter: https://www.tribunal45.de

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