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Tribunal 45

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“Der Zweite Weltkrieg ist vorbei und große Teile Europas sind zerstört. So auch Nürnberg. Erst jetzt wird das Ausmaß der nationalsozialistischen Verbrechen für alle deutlich. Millionen Menschen wurden vertrieben, verfolgt, versklavt und ermordet. Diese Gräueltaten weckten in der internationalen Gemeinschaft den Wunsch, die Verantwortlichen des NS-Regimes zu bestrafen.” (Auszug aus dem Prolog des Spiels Tribunal 45)

Vor 80 Jahren begannen in Nürnberg die Hauptkriegsverbrecherprozesse. Angeklagt sind 24 Nationalsozialisten. Sie sollen für ihre Verbrechen zur Rechenschaft gezogen werden. Die Prozesse gelten  als Geburtsstunde des Völkerstrafrechts. Tribunal 45 macht sie nun spielerisch erfahrbar.

Als Teil der französischen Anklage

In dem narrativen Serious Game schlüpfen die Spielenden in die Rolle der Juristin Aline Chalufour, die während des ersten  Nürnberger Prozesses für die französische Anklage arbeitet. Die Spielenden erleben das Tribunal in vier Phasen: die ersten Tage des Prozesses, die Beweisaufnahme, die Verteidigungsphase und die Vorbereitung der Abschlussrede. Ihre Aufgabe besteht darin, die Französische Anklage durch den gesamten Prozess hinweg zu unterstützen. Das machen sie zB, indem sie das Justizgebäude erkunden, mit Prozessbeteiligten reden und wichtige Themen des Prozesses aushandeln, Dokumente ordnen oder Beweis- & Argumentationsketten zusammenstellen. Dabei gewinnen Sie Einblicke in den Prozess und sammeln Argumente, die sie in schwierigen Diskussionen einsetzen können. 

Geschichte aus einer neuen Perspektive erleben

Während bis heute vor allem die amerikanische Perspektive in Spielen und Filmen abgebildet wird, erleben Spielende in Tribunal 45 die Prozesse aus der französischen Perspektive. Die Wahl auf die weibliche Protagonistin Aline Chalufour fiel aufgrund ihres Hintergrundes als Juristin und Anglistin mit  jahrelanger Erfahrung im nordamerikanischen Rechtssystem. Sie bringt eine Insiderperspektive mit, die wiederum Begegnungen mit anderen historischen Persönlichkeiten rechtfertigt. In flüchtigen Flurgesprächen tauscht sie sich über alltägliches aus, während sie in Diskussionen mit anderen Prozessbeteiligten über wichtige Themen des Prozesses diskutiert. Über die werden so unterschiedliche Meinungen und Perspektiven auf den Prozess ganz nebenbei deutlich gemacht.

Von Aushandlungsprozessen und Kompromissen

Die Diskussionen sind in Tribunal 45 als strategisches Duell inszeniert. Sie widmen sich jeweils einem thematischen Teilaspekt der Prozesse. Unser Gegenüber hat dazu stets drei Kernargument, die jeweils mit einem Stärkewert versehen sind. Die Spielenden können nun in der Rolle von Aline mit verschiedenen Taktiken auf diese Kernargumente reagieren: überzeugen, ablenken, nachgeben. Ziel ist es in der Regel, den Gegenüber von der eigenen Position zu überzeugen. 

Jede dieser Aktionen kostet Argumente, die die Spielenden zuvor über kleine Aufgaben (wie das  Vorsortieren der Dokumente für die Übersetzung, oder die Zuarbeit bei der Erstellung einer Beweiskette) oder Flurgespräche sammeln konnten. Der Gedanke dahinter ist klar: Gute Argumente entstehen nicht aus dem Nichts heraus, sondern durch Vorbereitung, Recherche und Arbeit. 

Im Anschluss wählen Spielende ihren ganz eigenen Standpunkt zu den Grundsatzfragen des Völkerstrafrechts, die zuvor diskutiert wurden: Wer soll angeklagt werden? Wer trägt Verantwortung? In welcher Sprache sollen Zeuginnen und Zeugen aussagen dürfen?  Mit jeder Entscheidung wächst das Verständnis dafür, dass Recht immer verhandelt wird und dass der Weg zur Gerechtigkeit damals wie heute nicht einfach ist.  Im Notizbuch können sie ihre Entscheidung mit denen anderer Spielenden vergleichen.

Mit Dokumenten spielen

Die Nürnberger Prozesse standen vor einer gewaltigen Herausforderung: Unmengen an Beweisdokumenten, aber zu wenig Zeit und zu wenig Übersetzer*innen. Das Spiel übersetzt dieses historische Chaos in ein abstraktes Match-Paar-Puzzle.

Spielende sortieren unterschiedliche Dokumenttypen – im abgebildeten Beispiel sind das Täterdokumente, Listen, Tagebücher oder Fotos – indem sie zwei gleiche, nicht blockierte Symbole finden und in die Ablage verschieben. Die Ablage simuliert die historische Priorisierung: Was muss zuerst übersetzt werden, was ist dringlich? 

Das Spiel zeigt, wie begrenzt Ressourcen damals waren und wie wichtig es war, Struktur in dieses Material zu bringen. Es zeigt auch: Selbst scheinbar banale Tätigkeiten wie Sortieren, Filtern und Priorisieren waren im Prozess von Bedeutung. Denn ohne diese Vorarbeit hätten viele zentrale Beweisstücke im Gerichtssaal überhaupt nicht präsentiert werden können. Gleichzeitig vermittelt es Wissen über verschiedene Beweistypen und belohnt die Sortierarbeit mit Argumentationspunkten für spätere Diskussionen.

Blaue Gerichtszeichnungen und ausgefranste Icons

Der Illustrationsstil orientiert sich an historischen Gerichtszeichnungen und fängt die Atmosphäre des Prozesses ein. Als tragende Farbe zieht sich blau durch die Gestaltung: ruhig, seriös und neutral. 

Dem schnellen Strich der Illustrationen steht das gefestigte UI-Design gegenüber, das 40er-Jahre Piktogramme des US Office Chief of Counsel aufgreift und mit moderner Lesbarkeit verbindet.

Historischen Begebenheiten in einer fiktionalen Erzählung

Die Inhalte des Serious Games Tribunal 45 – Working on Justice wurden auf Grundlage verschiedener historischer Quellen und aktueller Forschungsliteratur entwickelt. Auch Handlungen der Protagoinistin Aline Chalufour sind dokumentiert. Davon ausgehend werden die Ereignisse der verschiedenen Prozessphasen am Internationalen Militärtribunal im Spiel nacherzählt und mit fiktionalen Motiven ergänzt. (Mehr unter https://www.tribunal45.de/ Abschnitt Hist. Quellen.)

Tribunal 45 in der Memorium App “Memorium Nuremberg Trials“ spielen

Das Spiel ist kostenlos in der App “Memorium Nuremberg Trials” für Android und iOS verfügbar. Es richtet sich an medienaffine Menschen ab 16 Jahren, insbesondere Besuchter*innen des Memoriums Nürnberger Prozesse, die die Eindrücke des Museums im Spiel erweitern möchten. Aber auch andere Interessierte sind eingeladen, das Spiel herunterzuladen und zu spielen. Die Spieldauer variiert zwischen 20 und 40 Minuten. 

Tribunal 45 wurde gemeinsam mit dem Memorium Nürnberger Prozesse entwickelt und im Rahmen der Bildungsagenda NS-Unrecht von der Stiftung EVZ und dem Bundesministerium der Finanzen gefördert.

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